Grenzüerquerung nach Vietnam

Von den Kong Lor Caves in Laos nach Vinh in Vietnam: dass diese Strecke von Touristen wie mir nicht so häufig genutzt wird, hatte ich schon erwartet. Ich hatte mich vorher kaum über den Checkpoint informiert, aber wo es eine Straße gibt, wird man schon irgendwie über die Grenze kommen. Leider habe ich kaum Fotos gemacht, also ist dies eine Aneinanderreihung von Anekdoten einer sehr ungewöhnlichen Grenzüberquerung.

Ich brach frühmorgens aus Kong Lor auf, nahm das Sammeltaxi zur nächsten Kreuzung, dann ein anderes Sammeltaxi ins nächstgrößere Dorf, Lak Sao. Bis dahin nichts besonderes, außer, dass den Laoten auf den kurvigen Bergstraßen anscheinend schnell mal übel wird, so blickte ich die ganze Fahrt über in blasse Gesichter mit zusammengekniffenen Lippen.

In Lak Sao wurde ich am Busbahnhof abgesetzt, der ziemlich verlassen war. Drei uniformierte Angestellte saßen in einer Kammer und aßen Nudelsuppe, bei meinem Anblick begann eine Dame, sich schwerfällig zu bewegen und verkaufte mir unwillig eine Fahrkarte für den Bus nach Vinh, die nächste größere Stadt hinter der vietnamesischen Grenze.

Da der Bus erst vier Stunden später fahren sollte und ich noch nicht gefrühstückt hatte, lief ich die Straße runter auf der Suche nach etwas Essbarem. Ich lief mit dem Strom, viele Menschen und Autos bewegten sich in die selbe Richtung. Wo Menschen sind, gibt es immer was zu essen. Viele der Menschen trugen traditionelle Kleidung, bunte Anzüge und Kleider mit Mustern, Perlen und Bommeln. Einige Frauen trugen sowas wie Turbane, andere verzierte Samthüte. Ich erreichte einen Marktplatz, in der Mitte war eine runde Arena errichtet worden. Auf einem kleinen Hang hatten sich schon Menschenmassen versammelt, um eine gute Sicht zu haben. Was da wohl passieren sollte?

Ich fand einen Stand mit fantastischer Nudelsuppe, ansonsten schienen gegrillte Hühnerfüße eine lokale Spezialität zu sein. Mit meinem Rucksack und als weit und breit einziger Touri wurde ich sehr neugierig beäugt. Man fand schnell jemanden, der englisch konnte und mich im Namen aller Anwesenden ausfragte.

Als zwei massige Stiere in die Arena geführt wurden, realisierte ich, dass hier ein Stierkampf stattfinden sollte. Ich war hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Neugierde. Nachdem die Besitzer ihre Stiere ungefähr eine Stunde lang gebürstet hatten, wurden sie aufeinander losgelassen, allerdings waren sie dabei genauso unwillig wie die Schalterbeamten am Busbahnhof. Ich will das nicht verharmlosen, aber sie hatten absolut keine Motivation, sich gegenseitig aufzuspießen, und gingen lieber an den Rand, um sich am Gitter zu scheuern. Am Ende wurden zwei Stiere mit ein paar Kratzern aus der Arena geführt, ob es dabei einen Gewinner gab, konnte ich nicht erkennen. Ich denke, zu ihrem Glück sind die Tiere zu wertvoll, um sich lebensbedrohlich zu verletzen. Trotzdem ist es natürlich nicht schön, dass so etwas als gesellschaftliches Event gefeiert wird.

Ich kehrte zum Busbahnhof zurück und hatte es mir gerade gemütlich gemacht, als jemand aus einem Bus „Vinh! Vinh!“ rief. Eigentlich hätte ich noch zwei Stunden warten müssen, aber man nimmt ja, was man kriegen kann. Also stieg ich ein und wunderte mich darüber, dass es nur zwei Sitzreihen gab, der Rest des Busses war leer. Wir fuhren los, nur um nach zehn Minuten in einem Vorort am Straßenrand zu halten. Der Busfahrer und seine zwei Begleiter holten Thermoboxen unter den Sitzen hervor und tischten erstmal das Mittagessen auf: Ein großer Topf Reis, Hühnersuppe, Salat und seltsame braune Früchte, die einen großen schwarzen Kern hatten und ungefähr nach bitteren, sehr mehligen Kartoffeln schmeckten. Ich bekam eine Schüssel und begnügte mich mit Reis und Salat, schließlich war es ja umsonst.

Wir fuhren ein paar Meter weiter unter ein Vordach, ich wurde gebeten, auszusteigen und setzte mich an einen langen Tisch. Der männliche Mitfahrer fing jetzt an, mit zwei anderen Männern Reis-Säcke in den Bus zu laden, die Frauen notierten das Gewicht. Deshalb gab es also nur zwei Sitzreihen, der Bus wurde eher als LKW genutzt denn als Personentransport. Die Männer luden mindestens drei Tonnen Reis in den Bus, der unter dem Gewicht ganz schön in die Knie ging. Am Ende waren die Säcke bis unter die Decke gestapelt und ich setzte mich mit meinem Rucksack nach vorne, hinten nahmen jetzt noch zwei weitere Passagiere platz.

Auf ging es Richtung Vietnam. Sobald wir uns den Bergen näherten, begann es zu regnen. Der Busfahrer zog eine Machete aus dem Handschuhfach und ein paar Plastiktüten, die er seinem Begleiter reichte. Der holte etwas aus der Tüte, das ich für Babykokosnüsse hielt, schnitt das obere Ende ab und schlitzte die Schale bis zur Hälfte ein. Dann holte er noch ein paar Blätter aus der Tüte und bestrich die Unterseite mit einer weißen, kalkartigen Paste. Meine Mitreisenden kauten dann auf dem Blatt und der Kokosnuss herum. Ich schaute mir das ganze sehr verwirrt an und bekam auch eine Portion gereicht. „Kokain“, sagte der Busfahrer und wedelte dabei mit dem Blatt herum. Ganz kurz war ich mir nicht sicher, ob er das ernst meinte, aber dann begannen alle zu grinsen, und so kaute ich dann eben auch auf dem bitteren Blatt herum, die Kokosnuss schmeckte angenehm süßlich. Man amüsierte sich über meine Unbeholfenheit. Den Rest des Menüs, dessen Sinn sich mir nicht erschlossen hat, durfte ich aus dem Fenster entsorgen. Ich ärgere mich immer noch, dass ich davon keine Fotos gemacht habe.

Nach ein paar Stunden wurde die holprige Bergstraße mehrspurig und wir standen in einem kleinen Stau vor der Grenze. Die Frau, die vorher noch die Buchhaltung gemacht hatte, hakte sich bei mir unter und lief mit mir vor bis zur Grenze, damit ich meine Einreise organisieren konnte. Mir wurde so ein typischer Kegel-Bambushut aufgesetzt, weil es regnete, sodass ich noch verwirrter angeschaut wurde, als ich meinen Ausreise-Stempel bekam. Auf der anderen Seite war das Einreisebüro für Vietnam, ein opulentes Gebäude, das an dieser eher rustikalen Urwald-Grenze vollkommen deplatziert wirkte. Wir wurden von kommunistischen Flaggen und Beamten mit olivgrünen Uniformen begrüßt. Ungefähr zehn Laoten ließen sich ihre Pässe stempeln, meine Begleiterin fuhr die Ellenbogen aus und schubste die Herren zur Seite, um dem Grenzbeamten meinen Pass zuzuschieben. In der Wartehalle drehte ein völlig aufgelöster Amerikaner seine Runden, der mir erzählte, dass er dort schon seit zwei Stunden festgehalten wurde und all sein Geld abgeben musste, und trotz seines Visums nicht wusste, ob er einreisen dürfte. Ich bekam ein bisschen Angst, ließ mir das aber nicht anmerken. Als mich der Genosse hinter dem Fester streng anschaute, meinen Reisepass durchblätterte und nach meinem Visum fragte, sagte ich ganz selbstverständlich, „Germany, need no visa“. Meine Schleuserin redete kurz herrisch auf ihn ein, dann zückte er mit düsterem Blick seinen Stempel und gewährte mir die Einreise. Ich war mehr als erleichtert, wünschte dem Amerikaner viel Glück und stieg zurück in meinen Reis-Bus, der draußen auf uns wartete. Wohlgemerkt trug ich immer noch den Dreiecks-Hut.

Es ging wieder bergab bis in die nächste große Stadt, wo ich mich von meine lieb gewonnenen Mitreisenden verabschieden musste und in einen anderen Bus umstieg. Ich steckte meiner hilfreichen Schleuserin mein letztes laotisches Geld zu, etwa einen Euro, und fuhr ohne einen Cent in der Tasche weiter nach Vinh.

Dort fand ich schnell einen Geldautomaten, wurden von einem olivgrün uniformierten Genossen ohne Zähne willkommen geheißen, „Welcome to Vietnam!“. Ich nahm ein Taxi zu meinem sehr heruntergekommenen Hotel und war froh und erstaunt darüber, wie reibungslos dieser Tag gelaufen war.

Diese nächtliche Gasse ist leider das einzige Foto, das ich von Vinh habe.

Am nächsten Tag nahm ich den Zug nach Hanoi, fast ein bisschen traurig, dass ich Vinh schon wieder verließ, eine total untouristische Stadt, die größer war, als ich erwartet hatte. Der Grenzübergang hatte mich sehr neugierig gemacht, deshalb freute ich mich auf das, was ich in Vietnam erleben würde.

Ein Vorgeschmack auf Vietnam: Sehr starker Kaffee auf einer dicken Schickt gezuckerter Kondensmilch. Da nimmt man den dazu gereichten Tee gerne zum Nachspülen.

Ein Gedanke zu “Grenzüerquerung nach Vietnam

  1. Hallo Heidi, du bist ein Beweiss dafür das man mit einer freundlichen und zurückhaltenden Art überall gut ankommt. Die Beiträge und Fotos sind mal wieder toll.
    Liebe Grüsse von Vati

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